Ich wurde 1961 geboren.
In eine Zeit, in der vieles im Umbruch war. Woodstock, die Hippies, Rockmusik, Dadaismus – eine
junge Generation begann, gegen die alten Regeln aufzubegehren.
Das Volk schrie nach Freiheit.
Ich kam krank und schwach auf diese Welt. Als kleines Kind verbrachte ich lange Zeit im Spital. Im
Kindergarten war ich der Kleinste und Schwächste. Eine Ordensschwester band mich am Stuhl fest,
sperrte mich in den Keller. Andere Kinder hänselten mich. Mir wurden die Haare angezündet,
Feuerwerkskörper in die Augen geworfen.
Meine einzige Waffe war meine Schnelligkeit.
Zu Hause wurde ich geschlagen, weil ich mich nicht wehren konnte. Mehrere Löcher im Kopf
waren die Folgen. Ich bat Menschen um Hilfe und wurde ausgelacht.
Irgendwann begriff ich etwas, das ein Kind niemals begreifen sollte:
Es kommt niemand.
Mit dreizehn begann ich im Wald zu trainieren. Die Tiere waren damals meine Lehrer. Sie kannten
keine falschen Worte. Sie versprachen nichts, was sie später nicht hielten.
Ich wurde schneller. Härter. Brutaler.
Ich lernte, Schmerzen zu ertragen, ohne sie zu zeigen. Ich lernte, weiterzugehen, wenn ich verletzt
war. Mit fünfzehn lernte ich beim Metzger, wie man tötet – obwohl ich Tiere über alles liebte.
Vielleicht wollte ich einfach verstehen, wie eine Welt funktioniert, in der Leben manchmal so wenig
wert ist.
Von da an war die Strasse mein Zuhause. Keller, Gassen, später ein Zimmer im Lehrlingsheim. Ich
lernte Drogen, Gewalt, Unterdrückung und den täglichen Kampf kennen. Freunde verschwanden
aus meinem Leben – manche für immer.
Ich lernte Hass.
Ich lernte, mich ohne Wenn und Aber zu wehren.
Und ich lernte, dass ich lieber sterben wollte, als mich beugen zu lassen.
Türsteher, Rausschmeisser, Gassenkämpfer. Ich verdiente mein Geld dort, wo andere nicht
hinwollten. Messerstiche, Brüche, gebrochene Rippen kamen dazu – ebenso Verletzungen aus
Motorsport und Motocross.
Mehr als einmal wollte ich dieses Leben beenden.
Zweimal war ich sehr nahe daran.
Und trotzdem wachte ich immer wieder auf.
Ich fragte Gott:
Warum zum Teufel bin ich auf diese Erde gekommen?
Irgendwann wurde ich auch ausserhalb der Schweiz eingesetzt. Als ich zurückkam, ging es ins
Gefängnis. Danach musste ich auch noch Militärdienst leisten. Vieles davon erschien mir lächerlich.
Ich hatte längst gelernt, dass die Welt nicht so funktionierte, wie man es mir erzählen wollte.
Von Liebe wusste ich nichts.
Von Vertrauen wusste ich nichts.
Von einem Zuhause wusste ich nichts.
Und irgendwann war ich selbst zu einem Menschen geworden, vor dem andere Angst haben
mussten.
Ich war schlimmer geworden als diejenigen, die mir wehgetan hatten.
Schlimmer als mein Vater, der mich zusammengeschlagen hatte.
Schlimmer als manche Männer auf der Strasse.
Damals glaubte ich, das sei Stärke.
Heute weiss ich: Es war Überleben.
Ich hatte keine Angst mehr vor Menschen. Aber ich hatte auch aufgehört, ihnen zu vertrauen.
Erwachsene wollte ich nicht mehr in meiner Nähe. Liebe gab es für mich nur noch bei Tieren und
Kindern.
Die harten Jungs von der Gasse waren wenigstens ehrlich. Wenn sie dir etwas antun wollten,
wusstest du es.
Keine schönen Worte.
Keine falschen Versprechen.
Keine Menschen, die dir sagen, du sollst ihnen vertrauen, während sie bereits den Dolch in der
Hand halten.
Irgendwann wurde ich internationaler Trucker.
Allein unterwegs.
Das passte zu mir.
Ich brauchte niemanden.
Oder zumindest redete ich mir das ein.
Ich war längst nicht mehr der Kleine und Schwache. Ich konnte lachen, wenn jemand mit einem
Messer auf mich losging. Selbst als eine Pistole auf mich gerichtet wurde oder mehrere Polizisten
ihre Waffen zogen, hatte ich manchmal nur noch diesen einen Gedanken:
Dann macht es eben endlich.
Meine Narben wurden mehr.
Am Körper und in der Seele.
Aber irgendwann begann sich etwas zu verändern.
Ich lernte, anderen nichts mehr anzutun.
Ich lernte zu schweigen.
Und ich begann zu verstehen, dass der härteste Gegner meines Lebens nicht irgendwo draussen war.
Er war in mir.
Ich zog mich zurück.
Jahre vergingen.
Und dann wurde mein erster Sohn geboren.
Mit ihm kam etwas in mein Leben, das ich selbst nie kennengelernt hatte:
Eine neue Welt.
Liebe.
Nähe.
Vertrauen.
Verantwortung.
Und plötzlich stand da ein kleiner Mensch, für den ich alles gegeben hätte.
Dann kamen drei weitere Söhne.
Vier Kinder.
Vier Menschen, für die ich jede Minute meines Lebens eingesetzt hätte.
Ich wollte für sie der Vater sein, den ich selbst nie hatte.
Nicht perfekt.
Nicht besonders.
Einfach ein Vater.
Ein Zuhause.
Ein Mensch, bei dem sie sicher sein konnten.
Und vielleicht war genau das meine eigentliche Freiheit.
Nicht mehr kämpfen zu müssen.
Sondern bleiben zu können.
Heute sehe ich auf drei erwachsene Söhne und denke:
Jungs, ihr seid verdammt noch mal grossartig geworden.
Und wenn ich etwas richtig gemacht habe in meinem Leben, dann vielleicht genau das:
Ich habe ihnen etwas gegeben, das mir selbst gefehlt hat.
Familie.
Nun ist da noch mein Jüngster.
Elf Jahre alt.
Ein Kind, das Dinge erleben musste, die kein Kind erleben sollte. Ein Kind, das von Menschen
getrennt wurde, die seine Familie sind. Ein Kind, das von Erwachsenen beurteilt wird, die oft
glauben, sie wüssten, was gut für ihn ist.
Aber ein Kind ist kein Aktenzeichen.
Es ist kein Fall.
Es ist ein Mensch.
Und ich sehe ihn.
Ich sehe seine Stärke. Ich sehe aber auch das Kind hinter dieser Stärke.
Bei mir soll er Ruhe haben.
Frieden.
Ein Zuhause.
Ich will nicht, dass er zu dem Menschen wird, zu dem Unrecht einen Menschen machen kann.
Denn ich weiss, wohin dieser Weg führt.
Ich kenne ihn.
Ich bin ihn selbst gegangen.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich heute anders kämpfe.
Nicht mehr mit Fäusten.
Nicht mehr mit Gewalt.
Nicht mehr gegen die Welt.
Sondern dafür, dass ein Kind nicht lernen muss, so zu werden wie ich damals.
Ich wurde 1961 in einer Zeit geboren, in der Menschen nach Freiheit riefen.
Ich habe mein halbes Leben gebraucht, um zu verstehen, was Freiheit für mich wirklich bedeutet.
Freiheit bedeutet nicht, stärker zu sein als alle anderen.
Freiheit bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Und Freiheit bedeutet auch nicht, niemals verletzt zu werden.
Freiheit bedeutet, trotz allem selbst zu entscheiden, wer man sein will.
Ich war vieles.
Opfer.
Täter.
Kämpfer.
Vater.
Mensch.
Ich habe Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin.
Ich habe Dinge überlebt, von denen andere glaubten, ich würde sie nicht überleben.
Und ich habe Menschen verloren.
Viel zu viele.
Aber ich bin noch hier.
Viel älter, als man mir jemals zugetraut hätte.
Einmal hiess es, ich würde vielleicht 42 werden.
Heute muss ich darüber manchmal lächeln.
Denn vielleicht kann ein Mensch nicht sterben, wenn er sich innerlich schon vor langer Zeit tot
geglaubt hat.
Ich weiss nicht, warum ich damals auf diese Erde gekommen bin.
Vielleicht werde ich es nie wissen.
Aber wenn ich heute meine Söhne anschaue, dann glaube ich manchmal, dass ich zumindest einen
Teil der Antwort kenne.
Ich musste erst lernen, was Familie bedeutet.
Ich musste erst lernen, was Liebe bedeutet.
Und ich musste erst durch die Hölle gehen, um zu begreifen, dass Stärke nicht darin liegt, andere zu besiegen
Sondern darin, nicht zu dem zu werden, was einem selbst angetan wurde.
Ich wurde 1961 geboren.
In einer Zeit, in der die Menschen nach Freiheit schrien.
Und eines weiss ich heute:
Meine Freiheit nimmt mir niemand mehr.
Und ob es Gerechtigkeit gibt weiss ich nun auch….





